Disruptiver Wirbel über Jahrzehnte

Demographischer Wandel, Automatisierung und Ungleichheit: Unter diesen drei Gesichtspunkten betrachtet eine Studie der Bain Macro Trends Group die Zukunft der Arbeit. Die Aussichten? Turbulent.

„Alles hängt mit allem zusammen“ ist eine der Grundthesen, die ich in meinem Buch „Erde 5.0 – Die Zukunft provozieren“ vertrete. Und ob Manager, Unternehmer, Politiker oder Entscheider in einer UN-Organisation oder bei einer Nichtregierungsorganisation (NGO) – vielen Verantwortungsträgern fällt es schwer, die Komplexität, den systemischen Charakter des ökologischen, sozialen und ökonomischen Wandels zu antizipieren und zu managen. Umso willkommener sind Studien, die verschiedene Trends und Wirkfaktoren in einen Kontext bringen, dem großen Ganzen mehr dienen als dem Wissen im Detail. Solch eine Studie hat die Bain Macro Trends Group mit „Labor 2030 – the Collision of Demographics, Automation and Inequality“ vorgelegt. Sie hat es in sich:

Energetische Kollision

Der Zusammenprall von demographischem Wandel, Automatisierung und zunehmender Ungleichheit könnte die Wirtschaft in einen disruptiven Wirbel stürzen, der mehrere Jahrzehnte anhält. Bain macht eine interessante Logik auf:

  • Da die Bevölkerung altert, stehen dem Arbeitsmarkt schon bald weniger Menschen zur Verfügung. Für wachtsumsorientierte Ökonomien – und das sind so gut wie alle auf der Welt – ist das ein Problem. Wenn weniger Arbeitskräfte vorhanden sind, wird auch weniger produziert.
  • Dieser Verlust an Produktivität wird jedoch durch die Automatisierung mehr als wettgemacht. Allein für die USA rechnen die Forscher mit Investitionen von über acht Billionen Dollar in die Automatisierung.
  • Die Kehrseite der Medaille: Als Folge des Automatisierungsschubs verschwinden bis Ende der 2020er-Jahre zwischen 20 und 25 Prozent der heutigen Jobs. Diese Entwicklung trifft vor allem Arbeiter mit mittleren und niedrigen Einkommen. Gleichzeitig drückt die Automatisierung die Löhne. Ergo:
  • Die Investments in die Automatisierung lösen die Probleme auf der Angebotsseite der Märkte, sorgen aber mit Zeitverzug dafür, dass die Nachfrage nach Gütern und Services stark sinkt.

Wenn man sich diese Abläufe auf einem Zeitstrahl vorstellt, dann zeigt sich: Auf die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Politik kommen noch unruhigere Zeiten zu. Ich glaube tatsächlich, dass sie noch turbulenter werden, als es die Studie der Bain Macro Trend Group erwarten lässt. Zum einen ist das „System“, unter dem die Zukunft der Arbeit betrachtet wird, nicht komplett abgebildet: Die Folgen ökologischer Katastrophen, des Klimawandel und der Dematerialisierung sind in die Analyse nicht einbezogen worden. Außerdem haben solche Studien fast immer das Manko, dass sie die exponentielle Leistungsentwicklung der IT außer Acht lassen.

Es kommt noch drastischer

Von der Automatisierung werden deutlich mehr Berufsbilder erfasst, als von den meisten Experten angenommen. Außerdem wird es jene Jobs, die angeblich durch die Digitalisierung geschaffen werden, überhaupt nicht oder nur für eine Übergangsphase geben. Computer werden ihre Programme selber schreiben, Maschinen verbessern und erfinden Maschinen, Künstliche Intelligenzen verarbeiten und analysieren Zahlen und Muster viel effizienter als der Mensch. Insofern gehe ich davon aus, dass deutlich mehr Arbeitsplätze verloren gehen und sich die soziale und ökonomische Lage noch radikaler verändern wird, als es die Bain-Studie anzeigt. Aber in der Grundaussage haben die Autoren recht:

Wir gehen davon aus, dass die 2020er Jahre eine Periode größerer Turbulenzen und Volatilität in der Makrowirtschaft sein werden als die Jahrzehnte zuvor. Es ist wahrscheinlich auch eine Zeit, in der Extreme extremer werden. Technologische Innovationen werden zu neuen unternehmerischen Kraftzentren führen, die allgegenwärtige Unsicherheit kann sowohl Familien wie global tätige Unternehmen heimsuchen.

In solche Untiefen dürfen Unternehmen und Gesellschaften nicht führungslos hineinsegeln. Es ist die Aufgabe jedes Unternehmens, jedes in Verantwortung stehenden Politikers und jeder Regierung, eine Vision, ein Zielbild für die digitale Zeit zu entwickeln. Sie müssen die unklaren, von einer Vielzahl von Variablen vernebelten Szenarien im Auge behalten und den technologischen wie gesellschaftlichen Wandel antizipieren. Wer erst agiert, wenn es kracht, riskiert seine Existenz. Oder, um es in Anlehnung an Michail Gorbatschows berühmtes Zitat zu sagen: Wer zu spät kommt, den bestraft die Digitalisierung.

By |2018-10-29T14:19:09+00:0029/10/2018|Erde 5.0|0 Comments
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