Alle Daten dem Volke: Der Souverän und das Internet in der Demokratiekrise

Datensouveränität | Alexander - stock.adobe.com

Im November gab es einen Gedenktag, dessen Anlässe nicht unterschiedlicher haben sein können: der 9. November.

 

Am 9. November 1938 setzten in der Nacht organisierte SA- und NSDAP-Schlägertrupps Synagogen und jüdische Geschäfte in Brand und verwüsteten jüdische Wohnungen; der Mob jubelte und plünderte, Gaffer schwiegen gleichgültig; der Antisemitismus war damit staatsoffiziell geworden und markierte den Auftakt zum größten Völkermord der Geschichte. Am 9. November 1989 hingegen fiel die Mauer, und das war der Beginn unseres wieder vereinten Deutschlands.

Vor 80 Jahren der grenzenlose Faschismus, Antisemitismus und die Selektion zwischen Mensch und „Unmensch“. Vor 29 Jahren die friedliche Revolution, die Demokratisierung und Überwindung von Grenzen. Bei all dem spielten die Medien eine tragende Rolle: Damals war es der Volksempfänger, das Machtinstrument des  Reichspropagandaministers Joseph Goebbels unter Hitler; vor dem Mauerfall verbreiteten Fernsehen und Radio wie ein alles verbindende Leuchtfeuer die Botschaft, dass sich Widerstand gegen die SED-Herrschaft formiert.

Die dunkle Seite der Echtzeitmedien
Heute haben wir Echtzeitmedien wie Facebook oder Twitter. Als nicht lineare Systeme sind sie in der Lage, reale Bewegungsstürme auszulösen. Die dunkle Seite dabei ist: Sie werden als Propagandainstrumente missbraucht. Das Netz ist voll von Fake News, Hate Speech bis hin zur Androhung von purer Gewalt. Das heißt, der Besitz von Technologie und Daten durch Monopolisten ist längst nicht nur ökonomisch relevant, sondern höchst politisch. Warum? Wer die Daten hat, hat die Macht. Google hat sich Lichtjahre von seinem Gründungsmotto „Don’t be evil“ entfernt und testet in China eine Suchmaschine, die regimefeindliche Websites eliminiert, und avanciert damit zum ideologischen Verbündeten einer diktatorischen Weltmacht.

Dieser Beitrag erschien in deutlich kürzerer Fassung zuerst in der Kolumne „Gastwirtschaft“ der Frankfurter Rundschau (FR) am 9. November 2018.

In westlichen Industrieländern gefährden die weitgehend unregulierten sozialen Medien die Demokratie. Das hatte Tim Berners-Lee keineswegs im Sinn, als er im Jahr des Mauerfalls das World Wide Web erfand, um Informationen für alle bereitzustellen und Wissen zu vernetzen. Heute will er mit Kollegen des Massachusetts Institute of Technology (MIT) das Internet retten, indem die Hoheit über die Daten den Bürgern zurückgegeben wird.

Solid und Co
Seit über zehn Jahren beschäftigen sich Berners-Lee und sein Team damit, ein alternatives Internet zu entwickeln. Im ersten Konzept, Linked Data, ging es darum, Daten aller Art zu veröffentlichen und miteinander zu vernetzen statt nur Dokumente in standardisierter Form anzubieten. Das heißt, offizielle Regierungsdaten, Daten zu Wetterprognosen und Klimawandel, überhaupt Forschungsdaten sowie persönliche Daten sollten so zugänglich gemacht werden, dass aus ihnen in immer neuer Kombinatorik fundierte Informationen zu gewinnen sind. Projekte wie die Wissensdatenbank Wikidata basieren auf seinem Konzept. Aber wer will schon bereitwillig seine persönlichen Adressen bei Wikidata preisgeben? So entwickelte er mit seinem Team die Idee weiter und nannte sie Social Linked Data, kurz: Solid. Wie soll Solid funktionieren? Vor allem eben persönliche Daten wie das Adressbuch und Posts, aber durchaus auch Daten über Gesundheit und Fitness sowie Banküberweisungen sollen in so genannten Pods gespeichert werden. Jeder Pod kann theoretisch auf allen möglichen unterschiedlichen Trägern abgelegt werden: auf der eigenen Festplatte, in einer Cloud oder auf einem Firmenserver. Und um die Datensilos aufzubrechen wird jeder Pod so programmiert, dass festgelegt ist, wer darauf zugreifen darf.

Privacy Manager und smart contracts

In meinem Buch „Erde 5.0 – Die Zukunft provozieren“ verfolge ich einen ähnlichen Ansatz der Datensouveränität und gehe sogar noch einen Schritt weiter: Um überhaupt souverän seine persönlichen Daten handeln zu können, ist ein „Privacy Manager“ auf Basis der Blockchain denkbar. Er regelt, welche Daten jemand zur Verfügung stellt, welche anonymisiert werden müssen und welche tabu sind. Gleichzeitig lässt sich über „smart contracts“ garantieren, dass die Daten nur für den gewünschten Service benutzt werden – etwa für die Mobilitätssysteme einer Stadt, für optimierte Gesundheitsdienstleistungen, aber eben nicht für Produktwerbung. Und: Warum sollten die Menschen nicht zukünftig einen persönlichen KI-Assistenten beauftragen können, der über ihre Daten wacht, der sie in ihrem Sinne freigibt oder blockiert?

Hin zur Datensouveränität

Apple, Microsoft, Amazon, Google und Facebook weisen laut der Nachrichtenagentur „Reuters“ kumuliert einen Börsenwert von 3,7 Billionen Dollar auf; das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands betrug 2017 rund 3,3 Billionen Dollar.
Wird den Megakonzernen mit dem alternativen Internet ihre Geschäftsgrundlage entzogen? Das ist so. Nach Artikel 20 des Grundgesetzes geht alle Macht vom Volke aus. So ist es nur konsequent, dass der Souverän über einen der wichtigsten Machtfaktoren auf einer Erde 5.0 selbst verfügt: seine Daten. Datensicherheit ist von gestern – Datensouveränität längst das Gebot der Stunde.

www.erde50.de

By |2018-11-30T14:36:01+00:0029/11/2018|Erde 5.0|0 Comments
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